Jugendwohngruppe

Warum eine SPLG (Jugendwohngruppe) speziell für Jugendliche/junge Erwachsene mit FASD ?

Die spezifische Problematik des Umgangs mit Menschen betroffen von FASD

Aus der jahrelangen Erfahrung mit Kinder betroffen von FAS geht ein Konzept hervor, dass sich bewährt hat und beim Aufbau einer neuen Arbeit bezogen auf die Förderung von jungen Erwachsenen angewandt werden soll.

Es besteht eine Bedarfslücke, die dringend gefüllt werden sollte. Wenige Institutionen, darunter die Charité in Berlin oder das Päd. Zentrum Münster bemühen sich hier Hilfe und Aufklärungsarbeit zu leisten. Auch der Verein FASDe.V.möchte sich verstärkt für diese Zielgruppe engagieren. Wurden bisher Aufklärung bzgl. der Gefahren des Alkohols als wichtigstes Ziel angesehen, so tritt jetzt die Fürsorge für die schon Geschädigten hinzu.

In vielen Pflegefamilien, in Heimen und Wohngruppen fallen immer wieder die Kinder und Jugendlichen auf, die sich zwar entwickeln, aber ihre Problematik beibehalten. Hat der kleine Junge gelogen, Dinge an sich genommen, Vieles nicht verstanden, so wird er bei Förderung zwar das Gestohlene besser verstecken können, tut es aber immer wieder.

Entschuldigt sich das kleine Kind und verspricht es nicht wieder zu tun, so verspricht der junge Erwachsene dem Richter genau das gleiche, geht hin und tut es wieder.

Was von außen als positive Energie und „Stehaufmännchen“-Mentalität aussieht, entpuppt sich bei Erfahrungen mit FAS und genauerem Hinsehen als erschütternde Unfähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen, sein Leben ändern zu können. Die kreativen und spektakulären Zukunftsideen entpuppen sich als fehlende Einschätzung von Situationen und Menschen, ja der eigenen Fähigkeiten.

Je älter diese Menschen werden, desto mehr wird ihr Defizit sichtbar. Wie wir es vom alkoholkranken Menschen kennen, die mit den wahnwitzigsten Ideen leben, so finden wir es bei vielen Menschen, die vor ihrer Geburt durch den Alkohol geschädigt wurden und so z.T. als Abhängige zur Welt kamen.

Das größte Ziel für die Arbeit mit und an diesen Menschen kann nur sein, dass sie sich als hilfebedürftig erkennen und Hilfe annehmen, dass sie bereit und fähig werden, zu vertrauen, dass Andere ihnen den Weg durchs Leben zeigen !

Das ist keine einfache Aufgabe, wollen wir doch normalerweise mit unserer Erziehung und Pädagogik gerade das Gegenteil erreichen, nämlich dass das Kind, der Jugendliche selbst seinen Weg findet und sein Leben selbst in die Hand nimmt !

So wie wir dem Betrunkenen den Autoschlüssel wegnehmen müssen, um ihn am Fahren zu hindern und damit ihn und andere zu schützen, so müssen wir Verantwortung für diese geschädigten Menschen übernehmen, die nicht durch eigene Schuld, sondern durch die Unachtsamkeit und Unkenntnis ihrer Mütter in diese Lage gebracht worden sind. Gerade der Punkt der verantwortlichen Sorge der Mütter ist sehr schwer zu bearbeiten, haben doch die meisten Mütter nicht vorsätzlich getrunken, um ihrem Ungeborenen zu schaden.

So wie häufig ein Alkoholiker seine Welt völlig falsch einschätzt, überheblich und gleichzeitig naiv ist, sind die Menschen mit FAS ähnlich geschädigt. Es werden Ansprüche gestellt, die Welt scheint sich ihrer Meinung nach nur um sie zu drehen, während sie selbst keine Verantwortung übernehmen können und wollen und trotzdem immer wieder das Gefühl haben, sie könnten alles bestimmen und alle müssten ihnen zuarbeiten. Alle anderen sind Schuld, Menschen, Gegenstände, Konstellationen, und sie sind die Opfer, die immer zu kurz kommen. Da ja alle anderen Schuld sind, schwärzen sie die vermeintlichen „Bösen“ bei Behörden usw. an, beschweren sich an höherer Stelle, sie würden nicht genug gefördert, würden benachteiligt usw.

Menschen mit FAS sind nicht in der Lage, eine wirkliche Beziehung mit Anderen einzugehen, sie sind nicht familienkompatibel, weil sie nur sich im Mittelpunkt sehen.

So müssen Wege gefunden werden, wie diese Menschen mit Anderen zusammenleben können und wie sie gefördert werden können, um doch eine gewisse Selbständigkeit zu erlangen. Aber auch da ist der Boden schwankend, weil Erkenntnis von heute schon morgen vergessen sein kann !

Ein Patient mit Alzheimer muss engmaschig betreut werden, ein Patient mit FASD ebenfalls. Seine Schädigung schreitet nicht fort, aber sie ist da und die Fürsorge und Kontrolle muss erfolgen, auch wenn seine Elloquenz und Selbstdarstellung uns daran zweifeln lassen. Oft genug wird das Umfeld durch dieses Erscheinungsbild gespalten, das Zusammenleben mit einem Menschen, der von FASD betroffen ist, zeigt jedoch, dass das äußere Erscheinungsbild nicht der (inneren) Realität entspricht.

 

Voraussetzungen für die Aufnahme in das Zukunftprojekt :

1.Vorhandene Diagnose FASD oder zeitlich nahe Untersuchungen (Verhalten deutet auf FASD hin)

  1. Bereitschaft der Jugendlichen/Erwachsenen, die Diagnose zu akzeptieren und an sich zu arbeiten
  2. Zusage, die Regeln der Gemeinschaft zu akzeptieren und einzuhalten. (im Folgenden näher erklärt)
  3. Hilfe anzunehmen und zu folgen.

Die SPLG soll keine Verwahrung von aufmüpfigen Jugendlichen sein, die sich nicht helfen lassen wollen, sondern wird für diejenigen eingerichtet, die in Sorge ihre Behinderung erkennen und Hilfe möchten.

Das Leben in der Wohngruppe wird bestimmt durch die1:1 Betreuung mit Fachpersonal und die Gemeinschaft mit den anderen Betroffenen (in diesem Falle insgesamt 3 betroffene Personen und 3 Betreuer).

Zusammen werden die Dinge des täglichen Zusammenlebens besprochen und festgelegt und gemeinsam werden die in diesem Zusammenhang auftretenden Probleme gelöst und die Folgen , die daraus entstanden sind, bearbeitet.

Beruf oder Schule betreffende Angelegenheiten werden zwischen dem Bezugsbetreuer und dem einzelnen Jugendlichen/Erwachsenen ausgemacht. Der Betreuer ermutigt den Betroffenen, sich zu Fehlern und Lücken zu bekennen, daran zu arbeiten und Fähigkeiten zu entfalten. Er begleitet ihn auch nach der Volljährigkeit (mit dem Einverständnis des Betroffenen) zu Behörden und Ärzten, Arbeitgebern usw., um unklare Situationen richtigzustellen und Missverständnisse zu vermeiden. Der enge Kontakt und die fast tägliche Rücksprache mit Ausbildern/Lehrern muß gesichert sein, um ein engmaschiges Hilfesystem zu schaffen. Aufklärende Gespräche mit den zuständigen Stellen sind nötig, um böse Überraschungen zu vermeiden und um die Verantwortlichen auf die individuelle Problematik einzustimmen. Wichtig sind dabei auch umfassende Informationen über das fötale Alkoholsyndrom und die Auswirkungen im Alltag.

Die Arbeiten im Haus werden in verteilten , durch die Bewohner selbst eingeteilten Aufgaben wahrgenommen. Die Jugendlichen bewohnen ein eigenes Zimmer, teilen sich Wohn- und Kochbereich und das Badezimmer. Es soll eine familiäre Atmosphäre herrschen. Sie sollen selbst verantwortlich handeln lernen und Bereiche selbst organisieren und gestalten. Die Wohngruppe ist kein Hotel und niemand wird bedient! Das zu lernen ist ebenfalls eines der Ziele.Die Betreuer wohnen mit im Haus, aber nicht auf der gleichen Etage, sie sind jederzeit erreichbar, können sich aber zurückziehen. Die Betreuung geht rund um die Uhr, hier wechseln sich die 3 Betreuer ab. Es werden gemeinsame Aktionen stattfinden, Feste, Ausflüge, aber eben auch das Einzelgespräch, das nur mit einer Bezugsperson durchgeführte handwerkliche Arbeiten oder das tiergestützte Training u.a.

Betreuungsschlüssel 1:1: Tag- und Nachtbetreuung mit innewohnenden Betreuern. (Mindestens 2 Betreuer wohnen im Haus). Die 3 Jugendlichen /jungen Erwachsenen werden je einem Betreuer zugeordnet, der ihn intensiv begleitet und vertritt bzw. anleitet ,seine Belange eigenständig zu vertreten.

Die Wohngruppe wird intern im Wechsel der 3 Betreuer begleitet, nach Absprache finden gemeinsame Aktionen statt, wichtig ist, dass jeder Jugendlich immer seine feste Bezugsperson hat.

Hierbei soll der persönlich-familiäre Charakter des Zusammenlebens gefestigt werden, während gleichzeitig durch die Anwesenheit der anderen Jugendlichen und Betreuer eine offene Situation geschaffen wird, in der gemeinsame Anliegen und Konflikte behandelt und ausgetragen werden können. Das Manko einer Einzeltherapie wird dadurch aufgefangen und es kann Beides, das intensive Gespräch und Leben mit einer Bezugsperson und das sich Einstellen auf unterschiedliche Menschen und deren Eigenarten im Hause trainiert werden.

Supervision, Weiterbildung im therapeutischen Bereich und intensive Schulung über FASD sind Voraussetzung für eine Arbeit für die von FASD betroffenen Menschen.

Die zu suchenden Mitarbeiter sollten Erfahrungen aus dem Heimbereich oder dem Pflegekinderwesen mitbringen und bereit sein, sich diesem neuen Vorhaben ganz zu widmen.

Konzeptionelle Zusammenarbeit zwischen den Betreuern und den Mitgliedern des Trägervereins FAS-OWL sollte selbstverständlich sein.

Neben der Arbeit mit den Jugendlichen ist die Teilnahme an einer Langzeitstudie in Form eines Tagesprotokolls wünschenswert.